Auf Etiketten stehen Kürzel wie GOS und FOS, dazu Inulin und Akazienfaser. Alle gelten als präbiotisch – aber sie verhalten sich im Darm unterschiedlich. Sie werden verschieden schnell fermentiert, wirken in verschiedenen Abschnitten des Dickdarms und unterscheiden sich deutlich in der Verträglichkeit.
Dieser Beitrag stellt die vier meistverwendeten präbiotischen Fasern nebeneinander: was sie sind, was die Studienlage zu Dosierung und Wirkung sagt, und für wen welche Faser passt.
Was eine Faser zum Präbiotikum macht
Nicht jeder Ballaststoff ist ein Präbiotikum. Nach der Definition der Fachgesellschaft ISAPP muss ein Substrat selektiv von den Mikroorganismen des Wirts verwertet werden und dadurch einen gesundheitlichen Nutzen bringen [1].
Entscheidend ist das Wort selektiv: Gefördert werden sollen gezielt erwünschte Bakteriengruppen. Weizenkleie ist ein wertvoller Ballaststoff, erfüllt dieses Kriterium aber nicht. Die vier hier verglichenen Fasern erfüllen es.
Ein zweiter Begriff taucht in Studien immer wieder auf: bifidogen. Damit ist gemeint, dass eine Faser gezielt das Wachstum von Bifidobakterien fördert – jener Gruppe, die im mittleren Lebensalter messbar zurückgeht.
Die vier Fasern im Einzelnen
GOS – Galactooligosaccharide
Herkunft: enzymatisch aus Laktose hergestellt. Strukturell verwandt mit den Oligosacchariden der Muttermilch, weshalb GOS in der Säuglingsernährung breit erforscht sind.
Kettenlänge: kurz, typischerweise zwei bis acht Zuckereinheiten.
Studienlage: Eine doppelblinde Interventionsstudie an gesunden Frauen zeigte, dass bereits niedrige Tagesdosierungen den Anteil an Bifidobakterien signifikant erhöhen [2]. Das ist bemerkenswert, weil andere Fasern dafür deutlich höhere Mengen brauchen.
Verträglichkeit: gut. GOS gelten als die Faser mit dem günstigsten Verhältnis von Wirkung zu Dosis.
Zu beachten: GOS werden aus Laktose gewonnen. Für Menschen, die Milchbestandteile meiden, ist das relevant – auch wenn im Endprodukt meist nur Spuren enthalten sind.
FOS – Fructooligosaccharide
Herkunft: aus Chicorée oder enzymatisch aus Rohrzucker.
Kettenlänge: kurz, etwa zwei bis zehn Einheiten.
Studienlage: FOS ist die am besten dosisuntersuchte Faser. Eine Dosis-Wirkungs-Studie mit 40 gesunden Erwachsenen über acht Wochen verglich 0, 2,5, 5, 10 und 20 Gramm täglich. Die Bifidobakterienzahl stieg signifikant erst ab 10 Gramm. Bei 20 Gramm traten Blähungen deutlich häufiger auf. Die Autoren bezeichneten 10 Gramm pro Tag als optimalen Kompromiss aus Wirksamkeit und Verträglichkeit [3].
Eine weitere Untersuchung zeigte, wie schnell die Wirkung eintritt: 15 Gramm täglich, auf drei Portionen verteilt, erhöhten den Anteil der Bifidobakterien innerhalb von zwei Wochen von 6 auf 22 Prozent [4].
Verträglichkeit: die kritischste der vier. FOS wird sehr rasch fermentiert, was im vorderen Dickdarm zu Gasbildung führen kann. Bei empfindlicher Verdauung oder Reizdarm ist FOS häufig nicht die erste Wahl.
Inulin
Herkunft: überwiegend aus der Chicorée-Wurzel; natürlich auch in Topinambur, Zwiebeln, Lauch und Schwarzwurzeln.
Kettenlänge: lang, bis etwa 60 Einheiten. Chemisch ist FOS gewissermassen die Kurzversion von Inulin.
Studienlage: breit untersucht, bifidogene Wirkung belegt. Sicherheits- und Verträglichkeitsdaten liegen für Dosierungen bis 34 Gramm täglich vor; die häufigste Nebenwirkung sind selbstlimitierende Blähungen [5].
Verträglichkeit: mittel. Durch die längeren Ketten wird Inulin langsamer fermentiert als FOS, die Gasbildung verteilt sich dadurch. Einschleichen über zwei bis vier Wochen verbessert die Verträglichkeit deutlich.
Akazienfaser
Herkunft: aus dem Harz der Akazie, auch als Gummi arabicum bekannt. Ein verzweigtes Arabinogalaktan-Protein-Komplex.
Kettenlänge: sehr lang und stark verzweigt.
Studienlage: In der Literatur wird Akazienfaser als bifidogene Faser mit hoher Verdauungsverträglichkeit bei gesunden Menschen beschrieben [6]. Sie ist weniger intensiv erforscht als GOS, FOS und Inulin.
Verträglichkeit: die beste der vier. Durch die langsame, gleichmässige Fermentation über den gesamten Dickdarm verteilt sich die Gasbildung stark – der Hauptgrund, warum sie in Kombinationsprodukten für empfindliche Menschen eingesetzt wird.
Der direkte Vergleich
Kettenlängen sind Richtwerte und variieren je nach Herstellungsverfahren. Dosisangaben stammen aus den zitierten Interventionsstudien und beziehen sich auf gesunde Erwachsene.
Warum die Dosis über die Wirkung entscheidet
Die FOS-Dosisstudie ist deshalb so aufschlussreich, weil sie beide Enden zeigt: Unterhalb von 10 Gramm blieb der Effekt auf die Bifidobakterien aus, oberhalb von 10 Gramm nahm die Verträglichkeit ab [3].
Daraus folgt ein Massstab, den man an jedes Produkt anlegen kann: Steht die enthaltene Menge im Bereich dessen, was in Studien wirksam war? Bei vielen Produkten mit «präbiotischem Komplex» lässt sich das nicht beantworten, weil die Einzelmengen nicht ausgewiesen sind.
Eine Faser, die zu niedrig dosiert ist, wirkt nicht – ganz gleich, wie gut sie erforscht ist. Eine Faser, die zu hoch dosiert ist, wird abgesetzt, weil sie Beschwerden macht. Beides sind Gründe, warum Produkte mehrere Fasern kombinieren statt eine einzelne hoch zu dosieren.
Warum Kombinationen sinnvoll sind
Die vier Fasern unterscheiden sich vor allem in einem Punkt: wo und wie schnell sie fermentiert werden. Kurzkettige Fasern wie FOS und GOS werden früh im Dickdarm verwertet. Langkettige wie Inulin und Akazienfaser reichen weiter nach hinten.
Daraus ergeben sich zwei Vorteile einer Kombination:
Die Fermentation verteilt sich über mehr Abschnitte des Dickdarms statt sich vorne zu konzentrieren.
Mehrere Fasern in moderater Einzeldosis erzeugen weniger Gasbildung an einer Stelle als eine Faser in hoher Dosis.
Keine der vier Fasern ist «die beste». Die Frage ist nicht, welche gewinnt, sondern welche Kombination zum eigenen Verdauungssystem passt.
Welche Faser für wen
Mit gut verträglichen Fasern beginnen – GOS oder Akazienfaser – und die Menge über zwei bis vier Wochen steigern
Akazienfaser als Basis; FOS in hoher Dosis meiden
FOS in ausreichender Dosis – mit dem Wissen, dass Blähungen wahrscheinlicher sind
GOS prüfen oder meiden, da aus Laktose gewonnen
Zuerst die Ernährung angehen; Präbiotika ergänzen, ersetzen aber nicht