[Science Behind]Darmgesundheit

Präbiotika, Probiotika, Synbiotika – der Unterschied einfach erklärt

Präbiotika, Probiotika, Synbiotika und Postbiotika werden ständig verwechselt. Was die Fachgesellschaft ISAPP darunter versteht – verständlich erklärt.
ca. 6 Minuten 02.10.2026
GUT+ Darm-Balance

Vier Begriffe, die sich um einen Buchstaben unterscheiden und ständig durcheinandergeraten – auf Verpackungen, in Ratgebern und im Beratungsgespräch. Dabei bezeichnen sie vier grundverschiedene Dinge. Wer den Unterschied kennt, erkennt in wenigen Sekunden, was ein Produkt tatsächlich leistet.

Die gute Nachricht: Die Begriffe sind wissenschaftlich klar definiert. Die internationale Fachgesellschaft ISAPP – International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics – hat für jeden eine Konsensdefinition erarbeitet, an der sich Forschung und Industrie orientieren.

Probiotika: die Bakterien selbst

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge zugeführt einen gesundheitlichen Nutzen bringen. Entscheidend an dieser Definition sind zwei Bedingungen: Die Mikroorganismen müssen leben, und die Menge muss ausreichen.

Typische Vertreter sind Bakterien der Gattungen Lactobacillus und Bifidobacterium. Man findet sie in fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut – und in Nahrungsergänzungsmitteln, wo die Menge in KBE angegeben wird: koloniebildende Einheiten.

Der wichtigste Punkt zu Probiotika

Wirkung ist stammspezifisch, nicht gattungsspezifisch. Zwei Bakterien derselben Art können sich in ihrer Wirkung deutlich unterscheiden. Aussagekräftig ist deshalb nur die vollständige Stammbezeichnung – etwa Lacticaseibacillus rhamnosus GG –, nicht die blosse Angabe «enthält Laktobazillen».

Präbiotika: das Futter für die Bakterien

Ein Präbiotikum ist laut ISAPP-Definition von 2017 ein Substrat, das selektiv von den Mikroorganismen des Wirts verwertet wird und dadurch einen gesundheitlichen Nutzen bringt [1].

In dieser Definition steckt eine Hürde, die viele Produkte nicht nehmen: das Wort selektiv. Nicht jeder Ballaststoff ist ein Präbiotikum. Selektive Verwertung bedeutet, dass gezielt erwünschte Bakteriengruppen gefördert werden – nicht einfach alle, die gerade da sind.

Deshalb ist Weizenkleie zwar ein wertvoller Ballaststoff, aber kein Präbiotikum im engeren Sinne. Galactooligosaccharide, Fructooligosaccharide oder Inulin dagegen erfüllen das Kriterium.

Ballaststoff allgemein
Präbiotikum
Verdaulichkeit
wird im Dünndarm nicht verdaut
wird im Dünndarm nicht verdaut
Fermentierbarkeit
teils fermentierbar, teils nicht
fermentierbar
Selektivität
unspezifisch
selektiv für bestimmte Bakteriengruppen
Nutzennachweis
nicht zwingend
erforderlich
Beispiele
Weizenkleie, Zellulose
GOS, FOS, Inulin

Synbiotika: die Kombination – mit einer wichtigen Unterscheidung

Naheliegend wäre: Probiotikum plus Präbiotikum gleich Synbiotikum. Genau diese Definition hat das ISAPP-Expertengremium 2020 jedoch bewusst erweitert. Ein Synbiotikum ist seither eine Mischung aus lebenden Mikroorganismen und Substraten, die von den Mikroorganismen des Wirts selektiv verwertet werden und gemeinsam einen gesundheitlichen Nutzen bringen [2].

Das Gremium unterscheidet dabei zwei Typen – eine Differenzierung, die man auf kaum einer Verpackung findet, die aber erklärt, warum Produkte unterschiedlich aufgebaut sind:

Komplementäres Synbiotikum

Probiotikum und Präbiotikum wirken unabhängig voneinander. Beide Komponenten müssen für sich die jeweiligen Kriterien und Dosierungen erfüllen.

Synergistisches Synbiotikum

Das Substrat ist gezielt auf die mitgelieferten Mikroorganismen abgestimmt. Der Nutzen muss für die Kombination als Ganzes belegt sein, nicht je Einzelkomponente.

Der praktische Unterschied: Beim komplementären Typ arbeiten zwei gute Zutaten nebeneinander. Beim synergistischen Typ ist die Faser als Futter für genau die mitgelieferten Stämme gedacht.

Postbiotika: der vierte Begriff

Seit einigen Jahren taucht ein vierter Begriff auf. Postbiotika sind inaktivierte Mikroorganismen oder deren Bestandteile, die einen gesundheitlichen Nutzen haben. Die Bakterien leben also nicht mehr – wirksam sind ihre Strukturen und Stoffwechselprodukte.

Der praktische Vorteil liegt in der Haltbarkeit: Postbiotika sind hitze- und lagerstabiler als lebende Kulturen. Die Forschungslage ist deutlich jünger als bei den anderen drei Kategorien und entsprechend dünner.

Die vier Begriffe auf einen Blick

Begriff
Was es ist
Analogie
Beispiel
Probiotikum
lebende Mikroorganismen
die Pflanzen
Bifidobakterien-Stamm
Präbiotikum
selektiv verwertbares Substrat
der Dünger
GOS, FOS, Inulin
Synbiotikum
beides in einer Formulierung
Pflanzen samt Dünger
Kombiprodukte
Postbiotikum
inaktivierte Mikroorganismen oder Bestandteile
der Kompost
hitzebehandelte Kulturen

Was bringt die Kombination gegenüber der Einzelgabe?

Die naheliegende Frage. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse wertete 90 randomisierte kontrollierte Studien mit über 5'200 Teilnehmenden aus und verglich die Wirkung von Synbiotika mit jener von Präbiotika allein. Ergebnis: Synbiotika beeinflussten Entzündungsmarker stärker [3].

Diese Aussage ist präzise zu lesen. Sie betrifft Entzündungsmarker im Blut, nicht das subjektive Wohlbefinden, und stammt aus einer Zusammenfassung sehr unterschiedlicher Studien mit verschiedenen Produkten und Zielgruppen. Sie belegt, dass die Kombination in der Summe der Evidenz besser abschneidet – nicht, dass jedes Kombiprodukt jedem Einzelprodukt überlegen ist.

Woran man ein durchdachtes Produkt erkennt

1
Vollständige Stammbezeichnung bei probiotischen Kulturen, nicht nur Gattung und Art
2
Mengenangabe je Tagesportion – bei Kulturen in KBE, bei Fasern in Gramm
3
Konkrete Faserarten statt der Sammelbezeichnung «präbiotischer Komplex»
4
Nachvollziehbare Kombination: Passt das Substrat zu den Mikroorganismen, oder stehen sie unverbunden nebeneinander?
5
Zurückhaltende Aussagen: Wer Heilung verspricht, argumentiert ausserhalb dessen, was die Datenlage hergibt
Wie GUT+ aufgebaut ist

Nach der ISAPP-Systematik ein Synbiotikum

GUT+ kombiniert präbiotische Ballaststoffe – Fructooligosaccharide, Galactooligosaccharide und Akazienfasern – mit zwei probiotischen Stämmen, einem Polyphenolkomplex aus sieben Pflanzenextrakten sowie Vitaminen. Nach der ISAPP-Systematik handelt es sich damit um ein Synbiotikum.

Welche der beiden Unterkategorien zutrifft, hängt davon ab, wie eng Substrat und Stämme aufeinander abgestimmt sind – eine Frage, die sich nur mit Blick auf die konkreten Stämme beantworten lässt. Die Kombination unterschiedlicher Faserlängen folgt jedenfalls einer nachvollziehbaren Logik: Sie deckt mehr Abschnitte des Dickdarms ab als eine einzelne Faser.

→ Welche Faser was leistet, erklärt der Vergleich der präbiotischen Ballaststoffe im Detail.

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Häufige Fragen

Was ist besser: Präbiotika oder Probiotika?
Die Frage lässt sich nicht allgemein beantworten, weil beide unterschiedliche Aufgaben haben. Probiotika bringen Mikroorganismen zu, Präbiotika fördern jene, die bereits vorhanden sind. In der Zusammenschau der Studienlage schneiden Kombinationen bei Entzündungsmarkern besser ab als Präbiotika allein [3].
Kann ich Prä- und Probiotika gleichzeitig einnehmen?
Ja – genau das ist die Idee hinter einem Synbiotikum. Eine zeitliche Trennung ist nicht erforderlich.
Sind alle Ballaststoffe Präbiotika?
Nein. Ein Präbiotikum muss selektiv von bestimmten Mikroorganismen verwertet werden und einen belegten Nutzen haben. Weizenkleie etwa ist ein wertvoller Ballaststoff, erfüllt das Selektivitätskriterium aber nicht.
Wie erkenne ich ein gutes Probiotikum?
An der vollständigen Stammbezeichnung, an einer klaren Mengenangabe in KBE pro Tagesportion und daran, dass für den konkreten Stamm Studien vorliegen. Die blosse Angabe «enthält Milchsäurebakterien» sagt wenig aus, weil die Wirkung stammspezifisch ist.
Was sind Postbiotika?
Inaktivierte Mikroorganismen oder deren Bestandteile mit gesundheitlichem Nutzen. Sie sind lager- und hitzestabiler als lebende Kulturen, die Forschungslage ist jedoch deutlich jünger.
Brauche ich überhaupt ein Supplement?
Fermentierte Lebensmittel und eine ballaststoffreiche Ernährung sind die Grundlage. Ein Supplement ist dann sinnvoll, wenn die Zufuhr über die Ernährung dauerhaft niedrig bleibt – in der Schweiz erreichen 87 Prozent der Erwachsenen die empfohlenen 30 Gramm Nahrungsfasern nicht.
Verfasst von
Dr. Verena Fontana
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[Wissenschaftliche Referenzen]

[1]
Gibson G.R. et al. (2017). Expert consensus document: The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP) consensus statement on the definition and scope of prebiotics. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2017 Aug;14(8):491–502.
[2]
Swanson K.S. et al. (2020). The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics (ISAPP) consensus statement on the definition and scope of synbiotics. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2020 Nov;17(11):687–701.
[3]
Zhang Y. et al. (2025). The effects of synbiotics surpass prebiotics in improving inflammatory biomarkers in children and adults: a systematic review, meta-analysis and meta-evidence. Pharmacol Res. 2025 Aug;218:107832.
[4]
Hill C. et al. (2014). Expert consensus document: The International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics consensus statement on the scope and appropriate use of the term probiotic. Nat Rev Gastroenterol Hepatol. 2014;11(8):506–514.
[5]
Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Nationale Ernährungserhebung menuCH; Auswertung Nahrungsfasern 2024.
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