Vier Begriffe, die sich um einen Buchstaben unterscheiden und ständig durcheinandergeraten – auf Verpackungen, in Ratgebern und im Beratungsgespräch. Dabei bezeichnen sie vier grundverschiedene Dinge. Wer den Unterschied kennt, erkennt in wenigen Sekunden, was ein Produkt tatsächlich leistet.
Die gute Nachricht: Die Begriffe sind wissenschaftlich klar definiert. Die internationale Fachgesellschaft ISAPP – International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics – hat für jeden eine Konsensdefinition erarbeitet, an der sich Forschung und Industrie orientieren.
Probiotika: die Bakterien selbst
Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge zugeführt einen gesundheitlichen Nutzen bringen. Entscheidend an dieser Definition sind zwei Bedingungen: Die Mikroorganismen müssen leben, und die Menge muss ausreichen.
Typische Vertreter sind Bakterien der Gattungen Lactobacillus und Bifidobacterium. Man findet sie in fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt, Kefir oder Sauerkraut – und in Nahrungsergänzungsmitteln, wo die Menge in KBE angegeben wird: koloniebildende Einheiten.
Wirkung ist stammspezifisch, nicht gattungsspezifisch. Zwei Bakterien derselben Art können sich in ihrer Wirkung deutlich unterscheiden. Aussagekräftig ist deshalb nur die vollständige Stammbezeichnung – etwa Lacticaseibacillus rhamnosus GG –, nicht die blosse Angabe «enthält Laktobazillen».
Präbiotika: das Futter für die Bakterien
Ein Präbiotikum ist laut ISAPP-Definition von 2017 ein Substrat, das selektiv von den Mikroorganismen des Wirts verwertet wird und dadurch einen gesundheitlichen Nutzen bringt [1].
In dieser Definition steckt eine Hürde, die viele Produkte nicht nehmen: das Wort selektiv. Nicht jeder Ballaststoff ist ein Präbiotikum. Selektive Verwertung bedeutet, dass gezielt erwünschte Bakteriengruppen gefördert werden – nicht einfach alle, die gerade da sind.
Deshalb ist Weizenkleie zwar ein wertvoller Ballaststoff, aber kein Präbiotikum im engeren Sinne. Galactooligosaccharide, Fructooligosaccharide oder Inulin dagegen erfüllen das Kriterium.
Synbiotika: die Kombination – mit einer wichtigen Unterscheidung
Naheliegend wäre: Probiotikum plus Präbiotikum gleich Synbiotikum. Genau diese Definition hat das ISAPP-Expertengremium 2020 jedoch bewusst erweitert. Ein Synbiotikum ist seither eine Mischung aus lebenden Mikroorganismen und Substraten, die von den Mikroorganismen des Wirts selektiv verwertet werden und gemeinsam einen gesundheitlichen Nutzen bringen [2].
Das Gremium unterscheidet dabei zwei Typen – eine Differenzierung, die man auf kaum einer Verpackung findet, die aber erklärt, warum Produkte unterschiedlich aufgebaut sind:
Probiotikum und Präbiotikum wirken unabhängig voneinander. Beide Komponenten müssen für sich die jeweiligen Kriterien und Dosierungen erfüllen.
Das Substrat ist gezielt auf die mitgelieferten Mikroorganismen abgestimmt. Der Nutzen muss für die Kombination als Ganzes belegt sein, nicht je Einzelkomponente.
Der praktische Unterschied: Beim komplementären Typ arbeiten zwei gute Zutaten nebeneinander. Beim synergistischen Typ ist die Faser als Futter für genau die mitgelieferten Stämme gedacht.
Postbiotika: der vierte Begriff
Seit einigen Jahren taucht ein vierter Begriff auf. Postbiotika sind inaktivierte Mikroorganismen oder deren Bestandteile, die einen gesundheitlichen Nutzen haben. Die Bakterien leben also nicht mehr – wirksam sind ihre Strukturen und Stoffwechselprodukte.
Der praktische Vorteil liegt in der Haltbarkeit: Postbiotika sind hitze- und lagerstabiler als lebende Kulturen. Die Forschungslage ist deutlich jünger als bei den anderen drei Kategorien und entsprechend dünner.
Die vier Begriffe auf einen Blick
Was bringt die Kombination gegenüber der Einzelgabe?
Die naheliegende Frage. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse wertete 90 randomisierte kontrollierte Studien mit über 5'200 Teilnehmenden aus und verglich die Wirkung von Synbiotika mit jener von Präbiotika allein. Ergebnis: Synbiotika beeinflussten Entzündungsmarker stärker [3].
Diese Aussage ist präzise zu lesen. Sie betrifft Entzündungsmarker im Blut, nicht das subjektive Wohlbefinden, und stammt aus einer Zusammenfassung sehr unterschiedlicher Studien mit verschiedenen Produkten und Zielgruppen. Sie belegt, dass die Kombination in der Summe der Evidenz besser abschneidet – nicht, dass jedes Kombiprodukt jedem Einzelprodukt überlegen ist.